Architekten des Westfrankenreichs

Von 843 bis 987 nach Christi herrschten die Könige des Westfrankenreichs. Dabei wird die Zeit der Karolinger auf 751 bis 911 datiert. Wirklich relevant für das Spiel Architekten des Westfrankenreichs sind geschichtliche Kenntnisse jedoch nicht. Etwa 61 Jahre vor Ende der Karolingerzeit haben sich die Spielerinnen und Spieler in der Rolle als Architekten zusammengefunden, um einen nicht näher genannten König zu beeindruckend. Das gelang damals am besten durch ein tugendhaftes Leben und selbstverständlich durch die tatkräftige Mithilfe beim Bau einer Kathedrale. Ganz unabhängig von geschichtlichen Ungenauigkeiten präsentiert sich Architekten des Westfrankenreichs als Worker Placement-Spiel mit ein paar interessanten Kniffen.

Silber aus dem Steueramt

Worum geht es in diesem Spiel

Ein bis fünf Spielerinnen und Spieler übernehmen die Rolle von Architekten, welche den Bau einer Kathedrale vorantreiben sollen. Auch wenn das eigentliche Bauvorhaben im Vordergrund stehen sollte, gibt es noch andere Mittel und Wege, um im Westfrankenreich erfolgreich zu sein. Erfolg misst sich dabei in Architekten des Westfrankenreichs in Siegpunkte. Diese bekommt man für den Bau an der Kathedrale, aber auch für besonders tugendhaftes Verhalten als Architekt.

Neben der Kathedrale können die Spielerinnen und Spieler auch eigene Gebäude bauen. Dadurch erhalten sie am Ende weitere Siegpunkte. Zusätzlich haben einige Gebäude hilfreiche Soforteffekte. Es gibt aber auch Gebäude, die sich negativ auf die eigene Tugend auswirken. Gleiches gilt für bestimmte Aktionen auf dem Spielplan.

Für die Bauaktionen werden Rohstoffe benötigt, die man entweder abbauen oder sich auf dem Schwarzmarkt schneller besorgen kann. Letzteres gilt aber nicht als besonders tugendhaft. Gold und Marmor sind als Baumaterial besonders begehrt. Vor allem auch deshalb, weil sie im Vorrat der Spielerinnen und Spieler am Ende ebenfalls als Siegpunkte zählen.

Sobald in der Zunfthalle ein Arbeiter auf das letzte freie Feld für die jeweilige Spielerzahl gelegt wird, hat jeder am Tisch noch einen letzten Zug. Danach gewinnt, wer am meisten Siegpunkte hat.

Spielablauf

Im Rahmen der Spielvorbereitung erhält jeder Mitspieler eines der Spielertableaus. Diese haben eine Standard-Seite, die bei allen identisch ist und eine variable Seite. Letztere ergibt unterschiedliche Startvoraussetzungen aber auch eine Sonderfertigkeit, über die nur der entsprechende Architekt verfügt. Alle Spielerinnen und Spieler verwenden entweder die Standard-Seiten oder die variablen Seiten, die für mehr Spannung und Abwechslung sorgen.

Das variable Spielertableau legt das Startkapital, die Tugend zu Beginn, eventuelle Ressourcen, die man erhält und die Anzahl der eigenen Arbeiter im Gefängnis fest. Im Standardspiel verfügen alle Mitspieler zu Beginn über sieben Tugend. Der Startspieler erhält drei Silber, jeder weitere Mitspieler im Uhrzeigersinn ein Silber mehr als der Spieler vor ihm in der Reihenfolge.

Als weiteres Startkapital erhält jeder fünf Gebäudekarten, von denen er eine behält und die anderen weiter gibt. Auf diese Weise werden die Karten gedraftet, bis jeder Mitspieler genau drei Gebäudekarten hat. Die restlichen Karten werden unter den Stapel mit den Gebäudekarten auf dem Spielplan gelegt.

Die Gebäudekarten haben im Spiel zwei Funktionen. Entweder man nutzt sie, um das entsprechende Gebäude zu errichten, wenn man einen eigenen Arbeiter in der Zunfthalle ablegt. Oder aber man nutzt die Zunfthalle, um an der Kathedrale zu bauen. Dann muss man neben den erforderlichen Rohstoffen für die nächste Stufe in der Kathedrale zusätzlich eine noch nicht ausgespielte Gebäudekarte abgeben.

Bei der Auswahl der Karten zu Spielbeginn ist es daher nicht schlimm, wenn man mit einer oder mehreren Gebäudekarten nichts anfangen kann — Sie lassen sich schließlich immer noch für den Bau an der Kathedrale einsetzen.

Um ein Gebäude zu bauen und dessen Vorteil nutzen zu können, muss man die aufgedruckten Rohstoffe ausgeben. Zusätzlich gibt es bei den meisten Gebäuden aber noch Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen. Die entsprechenden Symbole auf den Gebäudekarten korrespondieren mit den Lehrlingen, die man anwerben kann. Jeder der Lehrlinge zeigt eines der insgesamt drei verschiedene Symbole.

Zu Spielbeginn liegen in zwei Reihen jeweils vier Lehrlinge aus, die über das dazugehörige Aktionsfeld angeworben werden können.

Beginnend mit dem Startspieler oder der Starspielerin (das ist der Mitspieler mit dem höchsten Tugendwert auf dem Spielertableau) führt jeder der Reihe nach immer genau eine Aktion durch, in dem er einen seiner insgesamt 20 Arbeiter auf ein Aktionsfeld stellt oder in die Zunfthalle legt. Arbeiter in der Zunfthalle verbleiben dort bis um Ende des Spiels.

Der überwiegende Teil der Aktionsfelder auf dem Spielplan kann von beliebig vielen Arbeitern unterschiedlicher Architekten genutzt werden. Je mehr eigene Arbeiter man dort hat, desto besser. Denn so vervielfacht sich etwa das Rohstoffeinkommen mit jedem weiteren Arbeiter, den man platziert.

Eine Besonderheit stellt der Schwarzmarkt da, denn dort gibt es zu den drei Aktionen nur drei dazugehörige Felder, auf denen nur genau ein Arbeiter stehen darf. Wurden dort drei Arbeiter eingesetzt, erfolgt eine „Razzia“. Die Arbeiter wandern ins Gefängnis und das Warenangebot auf dem Schwarzmarkt ändert sich. Selbstverständlich ist der Besuch des Schwarzmarktes genau so wenig tugendhaft wie die Aktion im Steueramt, bei der man sich aus der Steuerkasse bedient.

Spätestens, wenn man den zwanzigsten Arbeiter auf dem Spielplan eingesetzt hat, wird man den besonderen Reiz von Architekten des Westfrankenreichs erkennen. Der liegt nämlich nicht darin, in seinem Zug einen eigenen Arbeiter vom Spielplan zu nehmen, um ihn dann in der nächsten Runde einsetzen zu können. Sondern im geschickten gefangen nehmen eigener und fremder Arbeiter auf dem Spielplan. Während man eigene Arbeiter wieder als Arbeitskräfte zur Verfügung hat, setzt man fremde Arbeiter auf dem eigenen Spielertableau fest, um sie gewinnbringend ins Gefängnis abzuliefern.

Der oder die von einer Gefangennahme betroffenen Mitspieler verlieren nicht nur ihren Bonus von dem Feld, wo die Arbeiter zuvor gestanden haben, sondern die gefangenen Arbeiter fehlen auch für eigene Aktionen.

Allein auf dem Marktplatz

Spielgefühl

Eine Partie Architekten des Westfrankenreichs fühlt sich mitunter an, wie ein Tennismatch. Die Bälle fliegen hin und her, beziehungsweise die einzelnen Züge der Spielerinnen und Spieler gehen schnell von der Hand. Lange Wartezeiten gibt es bei den Architekten nicht. Im eigenen Zug setzt man einen seiner eigenen Arbeiter auf ein Spielplanfeld und führt dort die Aktion aus. Nur ein kurzes Luft holen, dann ist man bereits wieder an der Reihe. Insbesondere Partien zu zweit spielen sich so in einem Rutsch durch.

Auch wenn man pro Zug nur eine einzige Entscheidung zu treffen hat, ist diese alles andere als banal. Jedes Aktionsfeld steht zwar für sich, ist aber auf die eine oder andere Weise mit anderen Feldern indirekt verbunden. Wer an der Kathedrale bauen möchte, benötigt die entsprechenden Rohstoffe und eine Gebäudekarte, die man abwerfen muss. Um an diese Karte zu kommen, opfert man entweder eine seiner drei Karten von der Starthand oder aber besorgt sich in der Werkstatt eine neue Karte. Das kostet jedoch vier Silber, wobei zwei davon direkt ins Steueramt wandern. In der Werkstatt kann man das gleiche Geld aber auch ausgeben, um einen Lehrling anzuwerben. Der bringt einem mitunter Vorteile, wie etwa ein zusätzliches Holz bei der Nutzung des Aktionsfelds Wald. Zudem kann er genau die Voraussetzung mit sich bringen, die man zum Bau eines Gebäudes auf der Hand benötigt.

Um überhaupt Silber in der Werkstatt ausgeben zu können, muss man es freilich besitzen. Entweder ist man legal in der Silberschmiede zu Geld gekommen oder aber, man hat sich im Steueramt bedient. Liegt dort viel einfach so herum, ist der Verlust an Tugend zu verschmerzen. Durch Geschenke im königlichen Lager kann man sich ja wieder von seiner besseren Seite zeigen.

Die ganze Zeit über spürt man sehr deutlich, dass man nicht alleine am Spieltisch sitzt. Die Hilfe beim Bau an der Kathedrale verspricht Belohnungen in Form von Tugend und Rohstoffen. Allerdings nur, so lange dort noch eine der limitierten Belohnungskarten ausliegt. Zudem hat die Kathedrale unterschiedliche Baustufen. Die unterste Stufe bringt am wenigsten Punkte, ganz oben gibt es am meisten. Allerdings ist dort nur Platz für einen Architekten. Nach oben hin verjüngen sich die Stufen, sodass ein Gerangel unter den Mitspielern entstehen kann.

Obwohl der Bau an der Kathedrale verlockend viele Punkte verspricht, gewinnt am Ende nicht der Spieler, der dort alleine ganz oben steht. Es gibt noch andere Wege, an Punkte zu kommen. Oder aber demjenigen, der tugendhaft an der Kathedrale baut, gehörig die Suppe zu versalzen.

Je mehr eigene Arbeiter bereits auf einem Rohstofffeld stehen wenn ein neuer eigener Arbeiter eingesetzt wird, desto mehr Rohstoffe erhält man. Das lockt gleichzeitig aber auch die Mitspieler auf den Marktplatz, denn über dieses Aktionsfeld lassen sich Arbeiter gefangen nehmen. Anschließend kann man sie im Wachhaus für eine ordentliche Belohnung verhökern.

Kommt es zu einer königlichen Inspektion, wirken sich eigene Arbeiter genau so negativ aus wie etwaige Besuche auf dem Schwarzmarkt. Wobei man dort schnell und günstig an begehrte Rohstoffe gelangen kann. Besonders tugendhaftes Naturen ist der Besuch des Schwarzmarkts nicht gestattet. Ist der Ruf jedoch erst mal ruiniert, lebt es sich ungeniert und Steuern können hinterzogen werden. Leider darf man aber nicht mehr an der Kathedrale mitbauen.

Mitspieler beobachten und einschätzen, Ressourcen sammeln, bauen— Architekten des Westfrankenreichs bietet eine enorme Vielfalt, die extrem kurzweilig daher kommt.

Spielmaterial

Das Auffälligste an den Architekten des Westfrankenreichs ist die Spielschachtel. Sie kommt quadratisch praktisch daher in einem Format, welches viel zu klein erscheint für das große Spiel, was eigentlich drin steckt. Ist der Spielplan dann entfaltet, sieht er gar nicht so klein aus. Zudem gibt es auf ihm eine Menge zu entdecken, denn die Zeichnungen von Mihajlo Dimitrievski sind detailliert und liebevoll. Die Karten mit den Lehrlingen habe dadurch einen besonderen Charme. Sein Talent konnte er bereits bei der „Räuber der Nordsee“-Triologie unter Beweis stellen.

Die Silbermünzen im Spiel aus Pappe sind zweckdienlich, lassen sich aber durch Metallmünzen aufwerten — sofern man sie käuflich erwerben kann. Die Ressourcen sind allesamt aus Holz gefertigt und tragen zur Atmosphäre des Spiels bei. 

Kleinere Abstriche gibt es bei den sehr dünnen Spielertableaus. Leider sind die Karten der Lehrlinge, Gebäude, Schuldscheine, Schwarzmarkt und Bonuskarten auch nicht in gehobener Spielkartenqualität. Hier empfehlen sich auf jeden Fall Schutzhüllen, wenn man das Spiel häufiger auf den Tisch bringt — was je nach Spielgruppe ziemlich wahrscheinlich sein kann.

Die Spielanleitung ist verständlich aufgebaut und lässt fast keine Frage offen. Nur bei den Lehrlingen und Gebäudekarten muss man häufiger im Anhang nachschlagen, bis man die im Spiel verwendete Symbolik verinnerlicht hat. Die Aufteilung in Spielregeln und separaten Anhang hätte es im Prinzip nicht gebraucht.

Gleiches gilt für die Multiplikatorenkarten, die dann zum Einsatz kommen, wenn die Rohstoffe knapp werden. Selbst in größerer Runde kommen sie eher selten zum Einsatz.

Dem Spiel liegen noch 30 Karten für die Solovariante bei. Was wie eine nette Zugabe wirkt, ist tatsächlich ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Umsetzung. Mit dem Kartendeck kann man alleine antreten oder auch eine Partie mit zwei Spielern ergänzen.

Licht & Schatten

schlüssige Spielanleitung
hervorragende Solovariante
gelungene Aufmachung
kompakte Spielschachtel
hohes Spieltempo
potentielle Schwachstelle Gefangennahme
tugendhaftes Verhalten wird zu stark belohnt

Fazit

Nach einer Partei Architekten des Westfrankenreichs müssen die meisten Spielerinnen und Spieler erst mal tief durchatmen. Hohes Spieltempo und geringe Downtime haben fordern ihren Tribut. Genau das aber fühlt sich verdammt gut an und macht das Spiel zu einem gelungenen Vertreter seiner Gattung.

Im Prinzip macht man eigentlich nichts anderes als Ressourcen anzusammeln, zu bauen oder auf den Schwarzmarkt zu gehen. Und dann gibt es da noch die Möglichkeit der Gefangennahme. Hier steht der Vorwurf im Raum, genau das wäre eine Schwachstelle des Spiels. Insbesondere dann, wenn sich die Gruppe am Spieltisch nicht darauf einlässt. Möglicherweise ist das Spiel tatsächlich nicht für jeden geeignet, aber die angebliche Schwachstelle konnte in über 20 Partien nicht verifiziert werden. Was aber eben auch mit den Spielerinnen und Spieler zusammenhängen kann. In der richtigen Runde macht gerade die Gefangennahme großen Spaß und sorgt für Schadenfreude.

Dass man mit tugendhaftem Verhalten eher auf der sicheren Seite spielt, dürfte als gesichert gelten. Ist man beim König ganz unten durch, wird man kaum eine Chance auf den Spielsieg haben. Zeitweise Ausrutscher verschaffen jedoch zu gute Möglichkeiten, als das man ihnen widerstehen kann.

Ein absolutes Highlight im Spiel ist die Solovariante, die auch als Ergänzung für eine Partie zu zweit benutzt werden kann. Wie Constantine beziehungsweise Helena zu spielen sind, lässt sich leicht lernen und vor allem leicht spielen. Damit kann man sich im Gegensatz zu Solovarianten in vielen anderen Spielen voll und ganz auf seinen eigenen Zug konzentrieren. Selbst Spielerinnen und Spieler, die eigentlich nie alleine spielen, sollten der Solovariante eine Chance geben. Sie ist wirklich reizvoll.

 

Architekten des Westfrankenreichs ist für Spielerinnen und Spieler geeignet, die nicht vor einer Gefangennahme oder untugendhaftem Verhalten zurückschrecken. Findet man daran Gefallen und mag Worker-Placement Spiele mit einem besonderen Dreh, wird man oft und gerne an der Kathedrale bauen.

KurzInfo

1 bis 5
60 bis 80 Min.
BoardGameGeek
kaufen
Die „Räuber der Nordsee“ ist komplett an mir vorbeigegangen. Möglicherweise waren in dem Jahrgang einfach zu viele Wikinger-Spiele unterwegs. Vom selben Autor stammt jetzt Architekten des Westfrankenreichs. Von der Spielmechanik her gefällt mir, hier dass Felder nicht blockiert werden können und man gegnerische Arbeiter gefangen nehmen kann. Genau das soll aber ein Schwachpunkt sein, wenn keiner am Spieltisch von dieser Möglichkeit Gebrauch macht.

Bewertung

Gespielte Partien

22

Gesamtspielzeit

18 h

Mitspieler

5

Zuletzt Gespielt

17.09. 2019
Menü schließen