Azul

Bereits die Gestaltung der Spielschachtel von Azul zeigt jenes reizvolle Fliesenmuster, welches nach wie vor Besucher nach Alhambra lockt. Die orientalischen Fliesen gehen auf die Zeit der arabischen Vorherrschaft auf der der iberischen Halbinsel zurück und haben diese überdauert. Trotz dieser Einbettung in ein Thema ist Azul ein schnell erklärtes, abstraktes Legespiel, welches Potential zu einem modernen Klassiker hat. Grund dafür sind sowohl Spielmaterial als auch die Zugänglichkeit von Azul. Zurecht wurde es 2018 zum Spiel des Jahre gekürt.

Eine Handvoll Fliesen

Worum geht es in diesem Spiel

Laut thematischer Einbettung geht es in Azul darum, die Wände des Plastes von König Manuel I. in Spanien mit Fliesen zu schmücken. Der König sei nach einem Besuch der Alhambra in Süds so vom Wandschmuck beeindruckt gewesen, dass sein eigener Palast ebenso eindrucksvoll gestaltet werden sollte. Den Auftrag dafür bekamen seinen Bediensteten, in deren Rolle die Spielerinnen und Spieler schlüpfen.

Mehr an Thema gibt es nicht bei Azul, den im Grunde genommen ist es ein abstraktes Legespiel, bei dem die Spielerinnen und Spieler darum wetteifern, am Ende am meisten Siegpunkte zu haben. Niemand steigt in der Gunst des Königs am Ende auf. Die Fliesen aber sind das, was den besonderen Reiz von Azul ausmachen. Nur wer in den Manufakturen die richtige Auswahl trifft, wird am Ende die meisten Punkte erzielen

Spielablauf

Zentrales Element von Azul sind die Fliesen. Im Stoffbeutel befinden sich 100 Stück, wobei jede der fünf Farben 20 Mal vertreten ist. Diese Fliesen müssen von den Spielerinnen und Spielern auf der eigenen Spielerablage untergebracht werden. Auf ihr befinden sich neben der Punkteleiste eine so genannte Musterreihe und die Wand, auf der die Fliesen letztendlich abzulegen sind. Zusätzlich hat jeder noch eine Bodenreihe für unerwünschte Fliesen und eine Übersicht für die Bonuspunkte, welche es am Spielende gibt.

Abhängig von der Spielerzahl wird in der Tischmitte eine festgelegte Anzahl so genannter Manufakturen ausgelegte. Auf den kreisrunden Pappplatten kommen dann immer jeweils vier Fliesen, die zufällig aus dem Stoffbeutel gezogen werden. Nur in der erste Runde wird der Startspieler bestimmt, später ist es immer derjenige, der den Startspielermarker bekommen hat. Im Rahmen seiner ersten Aktion legt er den Startspielermarker in die Tischmitte, in den noch leeren zentralen Markt.

Jede Spielrunde läuft nach dem gleichen Schema ab. Es werden der Reihe nach Fliesen entweder von einer der Manufakturen  oder aber vom zentralen Markt in der Tischmitte gezogen. Dabei muss man sich auf eine Farbe festlegen, die anderen Steine bleiben entweder in der Mitte oder wandern von der Manufaktur dorthin. Derjenige, der als erste Steine aus der Tischmitte nimmt, erhält zusätzlich den Startspielerstein.

Erworbene Steine müssen auf der eigenen Ablage in der Musterreihe unterbracht werden, dabei kann in jeder Reihe nur gleichzeitig eine Farbe gelegt werden. Es darf auch nur eine Farbe sein, von der in der dazugehörige Reihe noch keine Fliese gelegt wurde. Überzählige oder unpassende Steine kommen in die Bodenreihe und bringen Minuspunkte in der Fliesungsphase. Diese findet gleichzeitig bei allen Spielern statt, wenn keine Fliesen mehr auf den Manufakturen und der Tischmitte vorhanden sind.

Entsprechend des Muster werden in der Fliesungsphase die Fliesensteine von der Musterreihe an die Wand angebracht. Überzählige Fliesen aus einer Musterreihe werden von allen Spielerinnen und Spieler in den Schachteldeckel gelegt. Die Steine aus dem Schachteldeckel kommen erst dann wieder zurück ins Spiel, wenn der Beutel leer ist.

Je nach dem, von wie viel bereits gelegten Fliesen eine neue Fliese umgeben ist, erhalten die Spielerinnen und Spieler sofort Punkte. Zum Abschluss eine Runde werden dann noch die Minuspunkte aus der Bodenreihe verrechnet.

Sobald ein Mitspieler eine horizontale Fliesenreihe komplett voll hat, endet das Spiel mit der letzten Wertungsphase. Es folgt die Abrechnung der Bonuspunkte. Der und die mit den meisten Punkten gewinnt die Partie Azul.

Spielerablage und Beutel mit Fliesen

Spielgefühl

Zieht man die dünne Thematik ab, bleibt ein Legespiel, bei dem die Spielerinnen und Spieler um Punkte konkurrieren. Jeder hat seine eigene Ablage vor sich und versucht durch geschicktes Ergattern passender Fliesen seinen Punktestand zu maximieren. Ob dabei ein, zwei oder drei Konkurrenten mit am Tisch sitzen, macht kaum einen Unterschied.

Die einzelnen Spielzüge verlaufen recht zügig, Langeweile kommt keine auf. Allerdings erschließt sich die Interaktion mit den anderen am Tisch erst beim näheren Hinsehen. Der Blick über den Tellerrand beziehungsweise die eigene Spielerablage zeigt nicht nur, wo die anderen stehen, sondern auch, welche Fliesen sie gebrauchen beziehungsweise nicht gebrauchen können.

Die unterschiedlichen Längen der Musterreihen bieten ein paar Möglichkeiten, Mitspieler zu ärgern. Etwa wenn der Nächste in Zugreihenfolge im Prinzip zwar rote Fliesen gebrauchen könnte, aber nicht die sechs Fliesen, die er jetzt nehmen muss. Mit etwas Spielerfahrung kann man auch überschauen, wer welche Fliesen als letzter nehmen muss. Mitunter sorgen böse Überraschungen für ein langes Gesicht, weil man seine Bodenreihe auffüllt, statt eine Musterreihe.

Deutlich zu kurz im Spiel kommt die Varianz. Die Rückseiten der Spielerablagen kann man verwenden, einen wirklich erheblichen Unterschied machen sie jedoch nicht. Der Zufall bestimmt das, was auf den Manufakturplättchen ausgelegt wird. Das in Kombination mit den Aktionen der Mitspieler verändert sich von Partie zu Partie. Viel Spielraum für neue Strategien bleibt daher nicht.

Spielmaterial

Die Spielsteine tragen zum besonderen Reiz von Azul bei. Die Fliesen sind aus Melamin gefertigt und wurden anschließend bedruckt. Der Aufdruck kann allerdings auch bei einigen Steine verschmiert sein — kostenlosen Ersatz gibt es hier beim Verlag beziehungsweise deutschen Vertrieb. Die Fliesen faszinieren optisch, hinterlassen aber auch haptisch einen guten Eindruck. Jeder Spieler am Tisch möchte mal in den Beutel greifen und zu Beginn einer Runde die Manufakturen wieder auffüllen. Der bedruckte Stoffbeutel selber passt gut zum Spiel und hinterlässt auch einen wertigen Eindruck.

Auf hohen Niveau kann über die Spielerablage gejammert werden. Die Pappe neigt dazu, sich nach einiger Zeit zu biegen — ein Phänomen, welches auch bei anderen Spielen und anderen Verlagen auftritt.

Die kleinen Holzklötzchen zum markieren des eigenen Punktestands verrutschen gerade bei motorisch unsicheren Spielern schnell auf der Ablage. Hier wären Vertiefungen oder eine gemeinsame Punkteleiste sinnvoller gewesen.

Die Rückseite der Spielerablage ist für die für die so genannte Variante vorgesehen. Auf diesem Plan gibt es dann keine Vorgabe, in welcher Position eine bestimmte Fliese in einer Reihe zu liegen hat. Allerdings darf dennoch in jeder Reihe und jeder Spalte der Wand nur eine Fliesensorte genau einmal vorkommen.

Licht & Schatten

haptisch ansprechendes Material
hoher Aufforderungscharakter
geringe Downtime
abstraktes Thema
Varianz nur durch Zufall
versteckte Interaktion

Fazit

Azul ist ein abstraktes Legespiel. Wer solche nicht mag, wird sich auch nicht auf Grund des tollen Spielmaterials für Azul erwärmen können. Seine Stärken hat das Spiel in geringen Komplexität in Verbindung mit niedriger Downtime und Spieldauer. Es eignet sich gut als Absacker oder Starterspiel, wobei hier die Gefahr besteht, dass es nicht bei einer Partie bleibt. 

Für Familien und Wenig-Spieler oder aber für diejenigen, die gerade mit dem Aufbau einer Spielesammlung anfangen, ist Azul in jedem Fall eine lohnenswerte Anschaffung. Bei Vielspielern und Sammlern droht dagegen die Gefahr, dass Azul in der Masse anderer Brettspiele auf Dauer untergeht. 

Ob man sich auch nach ein, zwei Jahren noch an Azul erinnern wird bei der Konkurrenz auf dem Spielemarkt, wird sich noch zeigen müssen. Nicht alle „Spiel des Jahres“ Spiele ist so ein dauerhafter Erfolg beschert wie etwa den Siedlern von Catan.

Azul ist ein einfaches, taktisches Legespiel mit herausragenden Material ohne besonderen Tiefgang — sowohl in positiver wie negativer Hinsicht.

KurzInfo

Azul
2 bis 4
30 bis 45 Min.
BoardGameGeek
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Azul ist ein abstraktes Legespiele mit leicht zugänglichen Regeln und beindruckendem Spielmaterial. Nur am Anfang scheint die Interaktion nicht vorhanden zu sein, denn man kann seinen Mitspielern gehörig die Suppe versalzen.

Bewertung

Gespielte Partien

16

Gesamtspielzeit

9 h

Mitspieler

6

Zuletzt Gespielt

04.08. 2018
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