Flügelschlag

Morgens, wenn wir kurz nach dem aufwachen bei offenem Fenster im Bett liegen, können wir sie hören. Mit etwas Wissen sogar voneinander unterscheiden. Vögel, sie sind eigentlich immer da. Selbst in Großstädten gibt es eine erstaunliche Artenvielfalt, auch wenn wir im Alltag in den meisten Fällen hauptsächlich Tauben begegnen. Oder Möwen, wenn wir in Küstennähe wohnen.

Um mehr über Vögel zu lernen, ist das Spiel Flügelschlag sicher nicht der richtige Weg. Es ist kein pädagogisches Lernspiel, aber ein guter Anfang, um überhaupt einen Bezug zur Vogelwelt zu bekommen. Die eine oder der andere lässt sich vielleicht dazu verleiten, sich einen Vogelführer anzuschaffen und damit bei einem Spaziergang auf Entdeckungsreise zu gehen. Das ist vorab schon ein großes Kompliment für Flügelschlag, ganz unabhängig von der seiner Tauglichkeit als Brettspiel.

gelegte Eier, Farbe egal

Worum geht es in diesem Spiel

Die Spielerinnen und Spieler schlüpfen in die Rolle von Vogelkundlern. Ab da wird es bei Flügelschlag allerdings etwas komplizierter. Zumindest dann, wenn man versucht, den Kern des Spiels zu erfassen. Was ist das Ziel bei Flügelschlag? Im Grund genau so banal wie bei vielen anderen Spielen auch. Es gewinnt derjenige mit den meisten Siegpunkten. Die Vögel sind dabei nur Mittel zum Zweck. Je erfolgreicher man sie „anlockt desto größer sind die Siegchancen.

Jede Vogelkarte hat neben ihrer Punktzahl einen anderen Effekt oder Bonus bei ihrer Aktivierung. Manche unterscheiden sich nur leicht, bei anderen ist die Varianz etwas größer. Je nach dem, welche der insgesamt 170 Vogelkarten man gerade auf der Hand hat.

Um sie abspielen zu können und damit auch am Ende des Spieles Siegpunkte für diesen Vogel zu bekommen, muss man seine Bedingungen erfüllen. In der Regel bedeutet das, eine bestimmte Kombination von Futter zu bezahlen, um die Karten dann in einem passenden Lebensraum abzulegen. Von denen gibt es drei Stück, je mehr Vögel dort bereits leben, desto teurer wird das Ausspielen. Zusätzlich zum Futter müssen ab Spalte zwei in allen Lebensräumen Eier bezahlt werden.

Fassen wir noch mal zusammen. Vogelkundler, die Futter sammeln und Eier ausbrüten lassen, um Vögel in Lebensräumen ansiedeln zu können. Auch Ian Fleming wusste, dass insbesondere Hobby-Ornithologen beobachten. Genau das machen die Spielerinnen und Spieler bei Flügelschlag jedoch nicht — selbst die Spielertableaus der Mitspieler hat man selten im Auge.

Spielablauf

Vor dem ersten Spiel wird den Spielerinnen und Spieler eine folgenschwere Entscheidung abverlangt. Starten sie mit der Schnellübersicht oder folgen sie dem Regelheft? Anders als es den Eindruck erweckt, ist die Schnellübersicht keine Schnelleinführung für Flügelschlag, sondern nützliches Beiwerk, wenn einer am Tisch den anderen die Regeln erklärt. Ohne wird man allenfalls raten, wie Flügelschlag zu spielen ist.

Nach dem die leichte Verwirrung hinsichtlich Regelbuch und Anhang geklärt wurden, erhält jeder Mitspieler ein eigenes Tableau, einen Satz Aktionswürfel in seiner Farbe so wie von jeder Sorte einen Futtermarker. Nach dem die Vogelkarten und Bonuskarten gemischt wurden, erhält jeder zwei Bonuskarten und fünf Vogelkarten. Von den Bonuskarten darf man sich eine aussuchen und behalten. Bei den Vogelkarten ist es etwas anders, denn theoretisch dürfte man alle behalten. Jedoch muss man für jede Vogelkarte, die man behalten will, einen der fünf Futtermarker abgeben. 

Auf diese Weise verlangt einem Flügelschlag schon vor Beginn des eigentlichen Spiels eine nicht unwichtige Entscheidung ab. Hat man keine Vögel auf der Hand, kann man entsprechend auch keine ausspielen. Gibt man sämtliche Futter ab, fehlt einem genau das Futter, welches man zum Ausspielen der benötigt. Hier gilt es, die richtige Balance zur finden, was aber häufig genug dadurch beeinflusst wird, was für Vögel man am Anfang auf die Hand bekommt.

Nach dem die weiteren Vorbereitungen wie erstmaliges Würfeln der Futterwürfel, auslegen der Zieltafel und Platzierung der drei offenen Vogelkarten zum nachziehen in der Vogeltränke abgeschlossen sind, beginnt die Startspielerin oder der Startspieler mit der ersten Aktion.

Pro eigenem Spielzug darf jeder genau eine von vier möglichen Aktionen ausführen. Zur Wahl stehen: eine Vogelkarte von der Hand auf dem Tableau auslegen, Futter erhalten, Eier legen oder Karten ziehen. Für jede Aktion legt man in jedem Fall einen seiner noch verfügbaren Aktionswürfel auf dem Tableau an die entsprechende Stelle.

Das Ausspielen der Vogelkarten unterliegt mehren Bedingungen. Grundsätzlich dürfen sie nur in einem passenden Lebensraum ausgespielt werden, welcher auf der Karte angegeben ist. Dort steht, was an Futter für das Ausspielen zu zahlen ist. Der Aktionswürfel wird auf dem Tableau so über die Spalte gelegt, das er die erste freie Stelle von links im passenden Lebensraum kennzeichnet. Sofern es nicht der erste Vogel in diesem Lebensraum ist und sich der Würfel entsprechend in einer Spalte weiter rechts befindet, müssen für das Ausspielen des Vogels noch zusätzlich Eier bezahlt werden. 

Liegt der Vogel dann endlich in seinem Lebensraum, werden noch eventuell Effekt ausgelöst, die auf der Karte stehen.

Jede ausgespielte Vogelkarte macht weitere Karten im selben Lebensraum teurer, da entsprechend Eier bezahlt werden müssen. Allerdings bringen die meisten Vogelkarten noch zusätzliche Boni mit sich, wenn eine der drei anderen Aktion gewählt wird.

Jeder der drei Lebensräume ist einer Aktion zugeordnet. Der Wald ist mit „Futter holen“ verknüpft, Grasland mit „Eier legen“ und Wasser mit „Vogelkarten ziehen“. Je mehr Karten in einem bestimmten Lebensraum liegen, desto mehr Futter, Eier oder Karten bekommt der betreffende Spieler, wenn er diese Aktion durchführt.

Zum Ausführen der Aktion wird dann ein Aktionswürfel in die Reihe der Aktion gelegt, und zwar so weit rechts, das er auf dem ersten freien Platz neben einer Vogelkarte liegt. Auch dem Ausführen der regulären Aktion wird dann der Würfel von rechts nach links bewegt, wobei die Spielerin oder der Spieler bei jeder Vogelkarte entscheiden kann, ob sie den entsprechenden Aktivierungsbonus in Anspruch nimmt oder nicht.

Mit jeder Vogelkarte baut man sich einen eigene Motor auf, der weitere Aktionen mächtiger macht. Sobald alle Spielerinnen und Spieler ihre Aktion Würfel aufgebracht haben, endet eine Spielrunde. Es kommt anhand der Zieltafel zu einer Zwischenwertung, bei der die Position ein einer zu Spielbeginn zufällig gezogenen Kategorie ermittelt wird. Jeder Mitspieler gibt im Rahmen der Wertung einen seiner Aktionswürfel ab, der auf die die Zieltafel gelegt wird. Somit haben alle für die folgende Spielrunde weniger Aktionswürfel und damit auch Aktionen zur Verfügung.

Nach insgesamt vier Runde endet das Spiel und es erfolgt die Endabrechnung. Zu den Punkten auf der Zielkarte werden noch die Werte der eigenen Vogelkarten, die gelegten Eier, erfüllte Bonuskarten so wie weitere Punkte aufgrund bestimmter ausgespielter Vogelkarten zusammengerechnet. Diejenige mit den meisten Punkten gewinnt die Partie Flügelschlag.

Vogelhausperspektive

Spielgefühl

Durch die enorme Menge an Projektkarten gibt es eine hohe Auswahl an Möglichkeiten, seinen Konzern zum Sieg zu führen. Im Kern des Spiels macht man nicht nur den Mars bewohnbar, sondern baut seinen Konzern aus, um mehr Handlungsspielraum zu bekommen — ein klassisches Engine Building. Durch die hohe Kartenanzahl und den Umstand, dass man nicht alle Karten kaufen kann, dauert es es einige Partien, bis man alle Projekt zumindest schon mal gesehen hat. Da es stärkere und schwächere Karten gibt, empfiehlt es sich auf jeden Fall, mit der in den Spielregeln erwähnte Drafting-Variante zu spielen. Das gleicht das Glück bei der Zuteilung der Projektkarten erheblich aus.

Selbst wenn man aber mit seinem Konzern eher auf dem hinteren Plätzen in Bezug auf den Spielziel rangiert, macht Terraforming Mars Spaß. Ein Wenig ist es wie ein Sandkasten, man probiert unterschiedliche Dinge aus und freut sich darüber, wie sich die Oberfläche des Mars langsam aber stetig wandelt. 

Es keinesfalls so, dass jeder vor sich hin einspielt, denn man konkurriert nicht nur in Bezug auf Siegpunkte miteinander. Lukrative Bauplätze mit zusätzlichen Boni sind knapp. Zudem kann man mit bestimmten Aktionen seinen Mitspielern gehörig in die Suppe spucken. Etwa dann, wenn eine riesiger Meteorit bei einem gegnerischen Konzern Pflanzen zerstört, welche die Firmenleitung bereits für das Auslegen eines Grünfächenplättchens verplant hatte.

Spielmaterial

Es gibt viele Punkte bei Terraforming Mars, wo das Spiel wirklich glänzt. Bei den Spielregeln und beim Spielmaterial ist das leider nicht so. Die Regeln muss man sich erarbeiten, nicht alles ist beim ersten durchlesen nachvollziehbar. Ein Ablaufdiagramm auf der Rückseite der Spielanleitung wäre wünschenswert gewesen. Wie auch ein Wertungsblock für das Spielende. 

Wirklich eine kleine Unverschämtheit sind die dünnen Spielertableaus, auf denen die Ressourcen und Produktionsmarker gelegt werden. Eine ungeschickte Bewegung und alles verrutscht. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Auflagen aus Plexiglas beziehungsweise vollständig neue Tableaus die man sich bestellen kann. Am besten kauft man sich direkt einen Schachteleinsatz, denn damit ist Terraforming Mars schneller aufgebaut.

Abzüge in der B-Note gibt es auch für die Resourcenwürfel. Durch das gewählte Produktionsverfahen löst sich die metallisch glänzende Farbe Stück für Stück ab.

Die dem Spiel beigelegten Übersichtskarten reichen für vier Spieler. Ausgelegt ist Terraforming Mars für bis zu fünf Spielern. 

Auf die grafische Gestaltung der Projektkarten muss man nicht noch gesondert eingehen. Sie ist nämlich so gut wie nicht vorhanden. Der größte Teil der verwendeten Fotos mag zwar zweckdienlich sein, ist aber ausgesprochen hässlich.

Licht & Schatten

imposantes Spielmaterial

Anleitung zum Schnellstart

thematische Einbettung

170 unterschiedliche Vogelkarten

grafische Gestaltung

leichte Schwächen beim Spielmaterial

Anleitung an einigen Stellen etwas unklar

keine Interaktion

Glücksfaktor nicht unerheblich

Fazit

Schon bei der ersten eigenen Partei von Terraforming Mars zeigte sich, welches Suchpotential das Spiel entfalten kann — wenn man sich auf das Thema einlässt. Es entsteht im Laufe einer Partei wirklich das Gefühl, einen Planeten bewohnbar zu machen. 

Während andere Spiele stark von der Spielerzahl abhängig sind und zum Teil Sonderegeln für kleine Runden benötig, kommt Terraforming Mars ohne solche Hilfsmittel aus. Es spielt sich in jeder Besetzung hervorragend, lediglich die Spieldauer variiert und kann bei voller Besetzung schon mal dreieinhalb Stunde erreichen. Dreieinhalb Stunden, die sich nicht als solche anfühlen und extrem kurzweilig sind. Etwas Disziplin bei den Mitspieler ist hilfreich, um die Spieldauer zu verkürzen. Auch wenn es Unwägbarkeiten gibt, lässt sich der eigene Zug vorausplanen. Genau sollte dann auch genutzt werden.

Für Freunde komplexerer Spiele ist Terraforming Mars auf jeden Fall eine Empfehlung.

KurzInfo

1 bis 5
40 bis 70 Min.
BoardGameGeek
kaufen
Ein Engine-Builder mit wundervoller grafischer Gestaltung und 170 Vogelkarten. Jeden Vogel gibt es nur einmal im Spiel.

Bewertung

Gespielte Partien

12

Gesamtspielzeit

10 h

Mitspieler

2

Zuletzt Gespielt

14.04. 2019
Menü schließen