Gloomhaven

Mit rund 10 Kilo Material in der Spielschachtel ist Gloomhaven ein Schwergewicht unter den Brettspielen. Zum Gewicht kommt eine 50 Seiten lange Anleitung hinzu und ein Kampagnenbuch mit 95 Szenarien. Drei Zahlen, die einen groben Eindruck vom enormen Umfang des Spiels vermitteln. Wer sich an Gloomhaven heranwagt, sollte sich weder vom Preis noch von der Gesamtspielzeit abschrecken lassen. Als Belohnung lockt ein Spielerlebnis, an das man sich noch lange erinnern wird.

Ein Savas bewacht den Schatz

Worum geht es in diesem Spiel

Eine Einordnung von Gloomhaven in die Kategorie „Dungeon Crawler“ ist möglich, wird dem Spiel allerdings nicht ganz gerecht. Innerhalb der Spielwelt entfaltet sich einen Geschichte, auf deren Verlauf die Spielerinnen und Spieler durch ihre Entscheidungen Einfluss nehmen. 

Einzelne Abenteuer sind zu einer umfangreichen Kampagne verknüpft, welche vollständig kooperativ gespielt wird. Angereichert werden die Abenteuer durch zusätzliche Ereignisse, die zum Teil ganz neue Wege eröffnen.

Je nach dem, wie sich die Spielerinnen und Spieler entscheiden und welchen Weg sie innerhalb der Kampagne einschlagen reagiert die Stadt Gloomhaven. Die Gruppe gewinnt oder verliert Ansehen, trägt zum Wohlstand der Stadt bei und macht sich Verbündete wie Feinde.

Zusätzlich zum gemeinsamen Ziel, die Kampagne zu absolvieren, bekommt jeder von Spielern geführte Charaktere noch ein eigenes Lebensziel — sein Antrieb, Abenteuer zu bestreiten. Diese Lebensziele führen wiederum dazu, dass Charakter nach dem Erfüllen ihrer Träume in den Ruhestand gehen und der betreffende Spieler mit einem neuen, möglicherweise bisher noch geheimen Charakter, zur Gruppe stößt.

Voller Einsatz

Spielablauf

Grundsätzlich lässt sich Gloomhaven auf drei verschieden Arten spielen. Entweder im so genannten Kampagnenmodus, im Gelegenheitsmodus oder aber es werden mit dem Zufallsabenteuerdeck völlig neue Szenarien erstellt.
Die meisten werden wohl Gloomhaven im Kampagnenmodus spielen wollen, um die Geschichte von vorne bis hinten zu erleben. Nur im Kampagnenmodus erschließt sich der ganze Reiz des Spiels und auch nur hier gibt es am Ende eines Szenarios die dort aufgeführten Belohnungen für die Spielgruppe.

Vor dem ersten Abenteuer in Gloomhaven suchen sich die Spielerinnen und Spieler zunächst ihren Charakter aus, mit dem sie spielen wollen. Zur Auswahl stehen am Anfang sechs sehr unterschiedliche Klassen: Barbar, Tüftler, Spruchweberin, Schurkin, Felsenherz und Gedankendiebin. Mit welchen der Klassen gespielt wird, hängt sowohl von den persönlichen Vorlieben aus auch von der Spielerzahl ab. Auch wenn Gloomhaven theoretisch solo spielbar ist, spielt man es am besten mit zwei bis vier Spielerinnen beziehungsweise Spielern.

Direkt ein Hinweis an dieser Stelle: am meisten Spaß macht Gloomhaven, wenn für die gesamte Dauer der Kampagne mit den selben Spielerinnen und Spieler gespielt wird — auch wenn die Regeln mehre unterschiedliche Gruppe ermöglichen und es auch von den Regeln kein Problem ist, wenn eine neue Spielerin dazu kommt oder ein Spieler mit seiner Charakter abspringt.
Gerade wenn zu zweit gespielt wird, gibt es Kombinationen bei den Klassen die anspruchsvoller sind beziehungsweise sehr gut zueinander passen. So spielen sich Schurkin und Felsenherz zusammen recht gut.

Nach der Auswahl der Klasse bekommt jeder Spieler für seinen Charakter eine so genannte Lebensquest. Wird diese im Laufe der Kampagne (oder auch im Gelegenheitsmodus) erfüllt, setzt sich der Charakter bei seinem nächsten Besuch in Gloomhaven zur Ruhe. Dadurch erfolgt in der Regel die Freischaltung einer bisher noch unbekannten Klasse durch öffnen eines der versiegelten Umschläge.

Nach dem ersten Einkauf von Ausrüstungsgegenständen, möglicherweise einem interessanten Stadtereignis, beginnt die Kampagne mit den Worten „Jeder muss essen. Die Gruppe erhält ihren ersten Auftrag und darf den ersten Ortsaufkleber auf die noch recht leere Karte kleben. Zudem erhält sie einen ersten globalen Erfolg, der ebenfalls aufgeklebt wird. 

Nach einem weiteren Wegereignis findet sich die Gruppe dann im Schwarzgrab wieder. Die Charakter nehmen Aufstellung und treten den ersten Feinden entgegen, während ihre Spielerinnen und Spieler noch ein geheimes Ziel für ihre Figur erhalten, welches in diesem Szenario erfüllt werden sollte. 

Es beginnt der eigentliche Hauptteil des Spiels, welcher  in vielfachen Variationen immer so in den einzelnen Szenarien ablaufen wird. Ein Raum wird aufgedeckt, Gegner erscheinen und müssen niedergerungen werden. In manchen Szenarien müssen zudem noch Verbündete beschützt, bestimmte Gegenstände eingesammelt oder in vorgegebenen Zeit ein Ausgang gefunden werden. Wichtig ist hierbei, die jeweiligen Bedingungen für den erfolgreichen Abschluss genau zu lesen.

In den einzelnen Kampfrunden spielt jeder Spieler zwei seiner Aktionskarten aus. Wie viele davon zur Verfügung stehen, hängt von der jeweiligen Klasse ab, ebenso welche Aktionen möglich sind. Mit einer der Karten wird der Initiative bestimmt. Je niedriger, desto früher ist die Figur am Zug. Nach dem die Spielerinnen und Spieler ihre Karten aufgedeckt haben, werden von den Monsterdecks die Monster-Fertigkeitskarten aufgedeckt, die ebenfalls einen Wert für die Initiative zeigen. 

Der Reihe nach agieren dann die Charakter und Monster. Ist ein Charakter am Zug, kann sich der betreffende Spieler für eine obere Aktion einer Karte und eine untere Aktion der anderen Karte entscheiden — oder aber die schwächeren Basisaktion kämpfen und bewegen auf den Karte wählen.

Wird ein Gegner angegriffen, zieht die Spielerin oder der Spieler eine Karte von ihrem Angriffsmodifikationsdeck — es wird also nicht gewürfelt. Die gezogenen Karte führt dann beispielsweise zu einem stärkeren Angriff, zu einem schlechteren Angriff oder kompletten Fehlschlag.

Nach dem sowohl aller Charakter und auch die Monster am Zug waren, endet eine Runde. Die meisten Szenarien bei Gloomhaven haben keine vorgegeben feste Rundezahl, in der das Szenario geschafft werden muss. Allerdings gibt es für die Spielerinnen und Spieler eine ganz andere Art von Timer. Gespielte Karten werden abgeworfen und stehen nicht mehr zur Verfügung. Erst wenn der Charakter eine kurze beziehungsweise lange Rast macht, können die abgeworfenen Karten wieder auf die Hand genommen werden. Dabei gelangt jedoch eine der Karten auf dem Stapel mit den verlorenen Karten. In der Regel stehen diese für das gesamte Szenario nicht mehr zur Verfügung. 

Können für einen Charakter zu Beginn einer Runde keine zwei Karten ausgespielt werden, ist er erschöpft und für den Rest des Szenarios außer Gefecht gesetzt. Gleiches gilt, wenn seine Lebenspunktezahl auf Null sinkt.

Barbar mit Elementen

Spielgefühl

Bevor man sich auf macht in die Welt vom Gloomhaven, gilt es einige Hürden zu nehmen. Die konstante Spielgruppe über einen sehr langen Zeitraum ist dabei ein Aspekt. Zudem muss jeder für sich selber klären, ob er an einem Legacy-ähnlichem Spiel teilnehmen will oder nicht.

Legacy-ähnlich deshalb, weil bei Gloomhaven zwar etwas aufgeklebt und verschlossen Schädeln und Umschläge zu öffnen sind, das Spiel aber auch nach Abschluss der Kampagne noch spielbar bleibt. Zudem ist es möglich, Gloomhaven wieder in den Ausgangszustand zu versetzen, um beim erneuten spielen einen anderen Weg einzuschlagen.

Gloomhaven ist ganz klar nichts für Gelegenheitsspieler. Die Kampagne erfordert es, zeitnah gespielt zu werden. Andernfalls verliert man den Zusammenhang und weiß nicht, warum man gerade eine bestimmte Aufgabe in einem Szenario absolvieren soll. Der Umfang der Spielregeln ist ein weiteren Punkt. Regelmäßiges spielen im Sinne von mindestens jede Woche zwei bis drei Mal sorgt dafür, dass sich die Menge der Fehler beim spielen in Grenzen hält.

Es macht einen erheblichen Unterschied in einem Szenario, ob die Gegner auf Grund ihrer Monsterfertigkeitskarte dann Vergeltung und Schild bekommen, wenn sie laut Initiative an der Reihe sind oder ob man als Spieler das automatisch berücksichtigt, selbst wenn man früher an der Reihe ist. Letzteres ist nicht korrekt.

Für das Spielgefühl in Gloomhaven ist es relevant, wie regelsicher alle am Spieltisch sind. Zumindest einer sollte die Bewegungs- und Angriffsregeln der Gegner mehr oder weniger im Schlaf beherrschen. Da Gloomhaven kooperative ohne Spielleiter gespielt wird und die Gegner durch Karten gesteuert werden, ist eine korrekte Anwendung der Regeln erforderlich. Ansonsten leidet der Spielspaß. Entweder weil die Gegner zu schwer sind oder einfach nur dumm in der Gegend herum stehen.  In den Regeln stecken weitere Feinheiten, die berücksichtig werden sollten.

Du gute Nachricht, und wieder ein Beleg dafür, dass Gloomhaven lediglich ein Legacy-ähnliches Spiel ist: Man macht in den ersten Parteien möglicherweise eine Menge falsch, aber auch gescheiterte Szenarien können beliebig oft wiederholt werden, auch innerhalb der Kampagne.

Der besondere Reiz von Gloomhaven ist, dass das Spiel eben nicht ein X-beliebiger Dungeon Crawler ist. Man erlebt eine durchaus taugliche Geschichte und hat Einfluss darauf, welche Wendung sie nimmt. Durch die sanften Legacy-Elemente gibt es eine Menge zu entdecken, sogar so viel, dass nach dem Ende der Kampagne noch genügend zu erkunden bleibt. 

Die einzelnen Klassen spielen sich sehr unterschiedlich, es braucht etwa Zeit, bis man seinen Charakter beherrscht und ihn auf den Rest der Gruppe abgestimmt hat. Gerade der Verzicht auf Würfel und die Verwendung von Aktionskarten machen Gloomhaven anspruchsvoller als vergleichbare Spiele. Häufig muss man seine Handkarten aus dem verfügbaren Pool neu zusammenstellen, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden.

Durch die Kampfzielkarten kommt es mitunter innerhalb der Gruppe zu Spannungen, weil ein Spieler seinen Charakter gerade etwas tun lässt, was für die anderen erstmal unsinnig aussieht. Es kann aber auch am persönlichen Lebensziel liegen, dass er sich todesmutig ins Kampfgeschehen stürzt und kurze Zeit später erschöpft zu Boden sinkt.

Insgesamt 12 neuen Charakterklassen können durch die persönlichen Quests freigeschaltet werden. Das sorgt für Motivation und führt mitunter zum spielen eines weiteren Szenarios, obwohl man doch schon für den Tag Schluss machen wollte.

Erlebte Abenteuer

Spielmaterial

Beim ersten Öffnen des Spielkartons von Gloomhaven wird man vom Material geradezu erschlagen. Gebietsaufleger, Monsteraufsteller, Kartenelemente und noch viel mehr will ausgepöpelt werden. Vor allem aber will es verstaut werden. Und zwar so, dass man beim Aufbau eines Szenarios nicht mehr Zeit mit dem Zusammensuchen des Materials verbringt als mit dem spielen des Szenarios selber.

Mit anderen Worten, eigentlich kommt man bei Gloomhaven nicht an einer zusätzlichen Lösung zur Aufbewahrung des Materials vorbei. Sofern man sich einen der verfügbaren Schachteleinsätze kauft, verteuert das auf den ersten Blick Gloomhaven als Brettspiel. Allerdings muss man das hier auch als Investition betrachten, die sich im Verlauf der Kampagne auf jeden Fall rentiert.
Es erschlägt einen aber nicht nur die Menge des Spielmaterials, zu dem ja noch die verschlossen Umschläge, Aufklebebögen und das Spielbrett dazu kommen, sondern auch dessen Qualität — leider aber nicht im positiven Sinne.

Das was man bei Gloomhaven geboten bekommt, bewegt sich hart an der Grenze zur Unverschämtheit hin (Rezensionsexemplar hier ist die deutsche Erstauflage von Feuerland). Dünne Spielkarten (die auf jeden Fall mit Hüllen geschützt werden sollten), ein Spielbrett, welches verbogen ist und wo sich trotz pfleglicher Behandlung schnell erste Risse zeigen und das Papier von der Pappe löst. Oder aber komplett fehlende Komponenten, beschädige Spielschachteln und ruinierte Kartenelemente.

Dazu kommen Standfüße, die absolut unbrauchbar ist. Wer leichtsinnig genug ist, sie zu verwenden, beschädigt die Monsteraufsteller. Man muss sich hier selber Abhilfe schaffen mit Standfüßen, wie sie etwa in Andor verwendet werden (dies bestehen aus weichem, flexiblen Kunststoff).

Etwas merkwürdig im Gesamtbild sind die Elementmarken aus Holz (wobei der Rundenzähler lediglich ein kleiner Pappstreifen ist). Lichtblick: die einzelnen Figuren der Spieler sind aus grauem Kunststoff und lassen sich, Talent vorausgesetzt, bemalen. 

Allerdings muss man bei aller Kritik am Material auch fair bleiben. Der Umfang von Gloomhaven, dass ganze Material, es hat bereits in der vorliegenden „Qualität“ seinen Preis. Besser Spielmaterial hätte in jedem Fall weiter nach oben getrieben. Der Feuerland Verlag, welcher für die Umsetzung der deutschen Ausgabe verantwortlich war, bestätigte dies und ließ in einer Stellungnahme auch verlauten, dass man bei der Produktionsstätte keine Wahl hatte sonder die nehmen musste, welche bereits die Originalausgabe von Gloomhaven produzierte. Bekannte Mängel wurden entsprechend reproduziert.

Das Material ist zum Glück jedoch nicht alles, Gloomhaven glänzt an anderen Stellen.

Licht & Schatten

umfangreiche Kampagne

auch nach Ende der Kampagne spielbar

reizvolle und sehr unterschiedliche Klassen

Entscheidungsfreiheit

persönliche Lebensquest

innovatives Kampfsystem

Qualität des Spielmaterials

zusätzliches Inlay erforderlich

komplexe Regeln, insbesondere für die Steuerung der Gegner

hohe Gesamtspielzeit (für manche Spieler)

feste Spielgruppe erforderlich (im Idealfall)

Fazit

Das ganze Potential von Gloomhaven entfaltet sich nur beim durchspielen der Kampagne. Daher lässt sich das Spiel auch nicht nach ein oder zwei gespielten Szenarien beurteilen. Um bis zum Ende durchzuhalten, muss man seine zur verfügung stehende Zeit für Brettspiele auf Gloomhaven konzentrieren. Um das mal mit Fakten zu untermauern: Meine Frau und ich habe das Spiel seit Mitte September 2018 zu zweit jedes Wochenende, mitunter sogar abends unter der Woche gespielt. Nach 185 Stunden konnten wir Ende Dezember 2018 die Kampagne abschließen. So viel Zeit sollte man auf jeden Fall einplanen, auch wenn man damit noch längst nicht alles gesehen hat in Gloomhaven. Nach wie vor lockt uns Gloomhaven, wir möchten noch verborgene Orte entdecken oder eine ganz andere Klasse ausprobieren.

Die enorme Spielzeit von Gloomhaven muss man auch heranziehen, wenn man den Anschaffungspreis von 135 Euro (für damalige Vorbesteller bei Feuerland) betrachte. So teuer, wie Gloomhaven auf den ersten Blick erscheint, es es nämlich gar nicht. Mit weit über 100 gespielten Parteien ist es auch eine der sehr wenige Spielen, die bei mir persönlich so oft auf dem Spieltisch gelangt sind. 

Wie kein anderes Spiel schafft es Gloomhaven, dass man als Spieler in das Spiel und Spielwelt abtaucht — wenn man sich darauf einlässt. Ganz eindeutig ist kein massentaugliches Spiel. Es überfordert nicht nur Gelegenheitsspieler, sondern liegt durchaus auch den Geeks nicht zwangsläufig.

Wird man jedoch mit Gloomhaven einmal warm, hat man eine Perle in seiner Brettspielsammlung. Die Kampagne schafft ein Gemeinschaftserlebnis, an das man sich noch lange erinnern wird. Das unterscheidet Gloomhaven von vielen anderen Brettspielen, die zwar auch gut sind, aber recht schnell irgendwo im Regal verstauben. Bei Gloomhaven werden eben nicht irgendwelche Arbeiter zum Rohstoffsammeln geschickt, um ein austauschbares Spielziel zu erreichen. Die Szenarien haben eine Bedeutung, die zusätzlichen Lebensaufgaben der Charaktere sorgen für das Salz in der Suppe.

Gloomhaven ein umfangreiches Rollenspiel in einer Schachtel. Ideal für Menschen, die ihrer Phase der Pen & Paper Rollenspiele hinter sich gelassen haben aber etwas vergleichbares am Spieltisch erleben wollen.

KurzInfo

Gloomhaven
1 bis 4
150 Min.
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Ein Rollenspiel in einer Schachtel. Gloomhaven lässt sich sicher charmanter beschreiben. Für mich ist es ein taktisch anspruchsvolles Kampagnenspiel mit leichten Schwächen im Spielmaterial.

Bewertung

Gespielte Partien

150

Gesamtspielzeit

206 h

Mitspieler

5

Zuletzt Gespielt

05.02. 2019
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