Legenden von Andor

Kooperative Spiele muss man können. In erster Linie gilt das für die Autoren, denn nicht jede Idee taugt, um daraus auch ein kooperatives Brettspiel zu machen, was gerne gespielt wird. Für mich besteht die gute Nachricht in diesem Zusammenhang in der erheblichen Weiterentwicklung, die kooperative Spiele in den letzten Jahren erfahren haben. Die Legenden von Andor gehört zu einem neuen Typus, der sich auffällig von den kooperativen Spielen der 1980er Jahre unterscheidet. Bei Andor steht nicht mehr der moralisch-pädagogische Zeigefinger wie etwa bei Sauerbaum und Ökolopoly, sondern das gemeinsame Erleben einer spannenden Geschichte im Vordergrund.

Skral auf dem Turm

Worum geht es in diesem Spiel

Bei den Legenden von Andor handelt es sich um ein sogenanntes kooperatives Kampagnenspiel. In Abgrenzung zu den Legacyspielen wird hierbei kein Spielmaterial dauerhaft überklebt oder zerstört. Gemeinsam erleben die Spielerinnen und Spieler eine zusammenhängende Geschichte, die über mehrere sogenannter Legenden erzählt wird. Jeder Spieler schlüpft in die Rolle eines der Helden, die antreten um das Königreich Andor zu retten. Gegner der Spieler sind zum einen die Monster auf dem Spielplan, die in jeder Runde durch aufgedruckte Pfeile von einem Feld zum anderen bewegt werden. Gekämpft wird aber auch gegen die Zeit, denn der Spielstein des Erzählers rückt unaufhörlich weiter. Erreicht er das Ende der Buchstabenleiste, bevor die Legende geschafft wurde, gilt diese als verloren.

Spielablauf

Die Legenden von Andor enthält eine Besonderheit, die das Spiel von vielen anderen unterscheidet. Eine Losspielanleitung, die diesen Namen auch verdient hat. Mit der ersten Legende, die Ankunft der Helden, werden die Spielerinnen und Spieler Schritt für Schritt in das Spiel und seine Regeln eingeführt. Dabei reicht es tatsächlich, wenn ein Spieler die Anleitung vorliest und alle die jeweiligen Anweisungen befolgen. In den einzelnen Schritten zur Vorbereitung der ersten Legende werden bereits grundsätzlich Begriffe erklärt. Etwa die Bedeutung der Stärkepunkte, der Willenspunkte und der Sonderfertigkeiten der Heldinnen und Helden. Von denen gibt es acht Stück, aber nur vier Klassen. Jede Klasse ist in einer weiblichen und einer männlichen Version vorhanden. So steht es jedem frei, ob er etwa als Zauberer oder Zauberin die Legenden bestreiten möchte. Weitere Klassen sind Zwerg, Krieger so wie Bogenschütze — natürlich auch in der weiblichen Form vorhanden.
Spezielle blaue Plättchen in der ersten Legende legen nicht nur die einzelnen Aufgabenziele fest, sondern erklären auch einen Teil der Regeln. Sind alle Aufgaben erfüllt, haben die Spielerinnen und Spieler am Tisch auch den größten Teil der Regeln abgehandelt.
Grundsätzlich folgt jede der insgesamt fünf Legenden einem identische Ablauf. Zwei Leisten auf dem Spielplan sind hierbei von entscheidender Bedeutung. Die Tagesleiste und die Legendenleiste.
Über die Tagesleiste wird nicht nur die Reihenfolge festgelegt in der die Heldinnen und Helden agieren, sondern auch, wann wie oft die Monster in Aktion treten und sich auf dem Spielplan entlang der Felder mit den Pfeilen bewegen. Die Tagesleiste zeigt zudem an, wie oft ein Spieler bis zum Sonnenuntergang am Ende des Tages noch agieren kann. Jede Aktion verbraucht eine Stunde Zeit, wobei die Anzahl der Felder bei einer Bewegunsgaktion in Stunden gerechnet wird. Sich drei Felder weit zu bewegen kostet entsprechend drei Felder vorwärts auf der Tagesleiste, eine Kampfrunde gegen ein Monster kostet eine Stunde. Bewegung und Kampf sind dabei die Hauptaktionen, dazu kommen noch freie Aktionen, die keine Zeit kosten und entweder vor oder nach einer Bewegung ausgeführt werden können.
Der Tag lässt sich bis zu drei Stunden überziehen, die jeweilige Figur allerdings pro zusätzlicher Stunden zwei Willenspunkte kostet — die ist hier gleichzusetzen mit Lebensenergie.
Wenn die Spielerinnen und Spieler alle ihre Aktionen innerhalb eines Tages durchgeführt haben, endet der Tag und es beginnt ein neuer mit dem Sonnenaufgang. Eine neue Ereigniskarte wird aufgedeckt, es folgt die Bewegung der Monster, Brunnen werden wieder aufgefrischt und vor allem aber wird der Erzähler auf der Legendenleiste weiter bewegt. Je nach Legende wird damit dann eine zum Buchstaben passende Legendenkarte aufgedeckt und vorgelesen.

Ein Gor greift an

Spielgefühl

Die Legenden von Andor lebt davon, dass sich die Spielerinnen und Spieler auf die Geschichte einlassen. Besonders wichtig ist diskutieren und das gemeinsame Treffen von Entscheidungen. Die Texte der Legenden wollen betont vorgelesen werden, es trägt viel zur Stimmung des Spiels bei. Das Spielziel ist vor allem, gemeinsam die Legenden zu erleben. Auch wenn Legenden im ersten oder selbst im mehrfachen Durchlauf nicht geschafft werden, sollten auf diese Weise alle am Tisch Freude an Andor haben.

Sobald jedoch ein Spieler am Tisch das Ruder in die Hand nimmt und anderen seinen Entscheidung aufzwingt, kippt Andor. Aus einem koperativem Spielerlebnis wird ein Solospiel mit Zuschauern. In solchen Momenten schimmert dann auch die Spielmechanik zu sehr durch. Das Kampfsystem ist simpel. Würfel würfeln, zum höchsten Ergebnis die Stärkepunkte der Figur addieren und mit dem vergleichen, was für die Monster gewürfelt werden. Entweder verlieret dann das Monster Willenspunkte oder die eigene Figur. Sofern das Monster noch nicht besiegt wurde oder der Held erschöpft ist, geht es dann weiter und kostet zusätzliche Zeit auf der Tagesleiste.

Zu besseren Kampfergebnissen kommt man durch das Aufrüsten der Helden, insbesondere auch die in späteren Legenden auftauchenden Runensteine. Bei den stärkeren Gegnern führt kein Weg daran vorbei, gemeinsam den Kampf anzutreten — was dann wieder zu den Absprachen führt.  Nur gemeinsam lässt sich das Königreich Andor erfolgreich retten.

Jede der fünf Legende gibt eine andere Ausgangssituation, andere Verläufe und andere Bedingungen vor, mit denen sie gewonnen werden kann. Hier gilt es, die Aufgaben innerhalb der Heldengruppe  geschickt zu verteilen und rechtzeitig die Strategie anzupassen, wenn durch einen überraschende Wendung die Monster drohen, die Burg zu überrennen. 

Dabei ist die  Bewegung der Monster vorhersehbar, was trotz des Würfelglücks für Planbarkeit sorgt. Hier ließe sich Andor vorwerfen, es wäre ein reines Optimierungsspiel, denn man kann tatsächlich seine Züge kalkulieren und muss das sogar, wenn die Legende erfolgreich abgeschlossen werden soll.

Andor sollte man jedoch nicht von der an sich soliden mechanischen Seite her betrachten, sondern von den Legenden, der gesamten Geschichte. Denn sie sind die Stärke dieses Spiels.

Spielmaterial

Wenn man zum ersten Mal die Schachtel von Andor öffnet, ist man von der Menge des Materials überrascht. Karten, Holzwürfel,  kleine Holzscheiben, große Legendenkarten, ein Erwähltsein aus Holz. Und ganz viele Stanztafeln, aus denen man das weitere Material herauslösen muss. Noch während man dabei ist, stellt sich eine kleine Enttäuschung ein. Sowohl die Monster aus auch die Heldinnen und Helden sind aus Pappe. Mit Spielen, die uns mit Figuren aus Kunststoff überschwemmen, kann Andor nicht mithalten — immerhin, es muss auch nichts bemalt werden.

Die Skepsis in Bezug auf das Spielmaterial verflüchtigt sich dann nach den ersten Legenden. Alles erfüllt seinen Zweck, die Illustrationen von Michale Menzel (der auch Autor des Spieles ist), verdichten die Atmosphäre. Jede Legende zeigt immer wieder aufs Neue, welches Potential im Material steckt. Hat man alle fünf Legenden geschafft, bleibt der Reiz stehen, sich erneut nach Andor zu begeben und vielleicht einen anderen Pfad einzuschlagen. Insbesondere mit der Erweiterung „Der Sternenschild“ hat Andor einen sehr hohen Wiederspielwert durch die immer wieder unterschiedliche Zusammenstellung der entsprechenden Legende.

Im Grundspiel von Andor selber gibt es noch eine sechste Legende — neun Blankokarten, mit denen man seine eigene Geschichte erfinden kann. Genau das haben zahlreiche Fans von Andor getan. Im offiziellen Fan-Forum finden sich zahlreiche zusätzliche Legenden, zu dem gibt es einen Developer Guide für die Entwicklung eigener Legenden.

So betrachtet ist das Spielmaterial auch Material zum spielen mit der eigenen Kreativität. Nur sie setzt weiteren Abenteuern in Andor Grenzen. 

Licht & Schatten

hervorragende Losspielanleitung

passt sich gut der Spielerzahl an

grafisch und thematisch überzeugend

Alpha-Spieler Problem

glücksabhängig durch Würfeleinsatz

Spielmaterial überwiegend aus Pappe

Fazit

Wer sich auf ein kooperatives Brettspiel einlassen möchte, welches sowohl familientauglich als auch geeignet für Vielspieler ist, wird mit Andor gut bedient sein. Das Spiel eignet sich auch ideal als Geschenk, vor allem dann, wenn man sofort losspielen möchte. 

Auch nach dem Durchspielen aller Legenden wird Andor nicht langweilig. Entweder starte man einen weiteren Durchlauf mit einer anderen Heldengruppe oder sucht sich neue Herausforderung durch eine der verfügbaren Erweiterungen oder Fanglegenden — manche davon haben es sogar zu einer offiziellen Erweiterung geschafft.

Für mich gehört Andor zu den Spielen, die mit jeder Spielerzahl threotisch gut funktionieren. Ob zu zweit, zu dritt oder zu viert, die Legenden bleiben eine Herausforderung. Dafür sorgt die sich anpassende Stärker der Monster und die Anzahl der Schilde, die anzeigen, wann die Burg endgültig gefallen ist.

Theoretisch nur deshalb, weil mehr Mitspieler die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass das Alpha-Spieler Problem zum tragen kommt. Zu zweit spielt sich Andor hervorragend und hinterlässt keinen schalen Beigeschmack eines abgespeckten Spielerlebnis. 

Mit 45 Partien allein in diesem Jahr haben die Legenden von Andor zumindest bei mir viele andere Spiele in den Schatten gestellt in Bezug auf die Häufigkeit, mit der es auf den Tisch kam.

KurzInfo

Legenden von Andor
2 bis 4
60 bis 90 Min.
BoardGameGeek
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Die Legenden von Andor wurde zu Recht 2013 von der Jury Spiel des Jahres mit dem Preis „Kennerspiel“ ausgezeichnet. Das kooperative Kampagnenspiel ist herausfordernd und spannend, leidet aber etwas, wenn ein Alpha-Spieler mit am Tisch sitzt.

Bewertung

Gespielte Partien

45

Gesamtspielzeit

53 h

Mitspieler

2

Zuletzt Gespielt

07.02. 2018
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