Scythe

Von Scythe hörte ich 2015 zum ersten Mal. Auf der Spielmesse in Essen im selben Jahr gab es dann einen Prototypen zu sehen, wenig später startete die Kampagne zur Finanzierung bei Kickstarter. Das Steampunk Setting begeisterte mich von Anfang an. Grandioses Artwork und opulentes Spielmaterial in der Deluxe-Ausgabe machten Lust auf das Spiel. Im Sommer 2016 wurde Scythe ausgeliefert und landete auf dem Spieltisch. Damit konnte ich mich dann endlich überzeugen, ob meine Erwartungen erfüllt wurden.

Polnia — erste Schritte

Worum geht es in diesem Spiel

In den 1920er Jahren einer alternativen Welt ringen bis zu fünf Staaten um die Vorherrschaft in Osteuropa. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Fabrik, eine einst mächtige Waffenschmiede. Die Spieler übernehmen die Rolle eines Anführers, der das Geschick seiner Nation bestimmt. Rohstoffe müssen produziert, Technologien entwickelt und Land erobert werden. Vernachlässigen darf man auch nicht seine Verteidigung gegen andere Nationen. Die Fabrik in der Mitte des Spielplans verspricht zusätzliche Handlungsmöglichkeiten.
Sobald ein Spieler seinen sechsten Stern auf der Erfolgsleiste gesetzt hat, endet das Spiel. In die Schlusswertung fließen Sterne, Ansehen, beherrschte Regionen und Rohstoffe ein — alles umgerecht in Geld. Es gewinnt dann der Spieler mit dem meisten Geld.

Spielablauf

Jedem Spieler wird zufällig sowohl ein Nationen- als auch Spielertableau zugeteilt. Abweichend von den Spielregeln handhaben wir es in unseren Spielerunden etwas anders. Ein zufällig ermittelter Mitspieler darf sich eine Nation aussuchen, dann im Uhrzeigersinn die anderen Spieler. Die Spielertableaus werden dann zufällig zugeteilt. Dadurch gibt etwas mehr Kontrolle. Nicht jede Nation liegt einem, was an den unterschiedlichen Fähigkeiten liegt. So hat etwa Polonia den Vorteil, bei einer Begegnung zwei statt nur eine Option von den drei zur Auswahl stehenden zu wählen. Mit den Rusviet kann ein Spieler abweichend zu den Regeln ein und dieselbe Aktion in aufeinanderfolgenden Runden wiederholen.
Das Nordische Königreich verfügt über Arbeiter, die von Beginn an eigenständig Wasser überqueren können, Krim kann Kampfkarten wie Ressourcen verwenden und das Sächsische Reich kann beliebig oft Erfolge durch gewonnen Kämpfe erzielen.
Durch den Bau von Mechs werden zudem unterschiedliche Fertigkeiten freigeschaltet. Die Spielertableaus variierte auch, so dass sich hier unterschiedliche Obere- und untere Aktionen so wie Kosten und Boni ergeben. Dabei sind manche Kombinationen besonders vorteilhaft, andere dagegen haben ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Handicap.
Durch die Nation wird das Startgebiet eines Spieles festgelegt. Er beginnt dort mit seiner Charakterfigur und zwei Arbeitern in angrenzenden Feldern. Gleichzeitig legt die Nation auch die Höhe der Stärke und die Anzahl der Kampfkarten fest, mit der der jeweilige Spieler beginnt. Das Spielertableau wiederum bestimmt, mit wie viel Münzen und Ansehen man beginnt — die Anzahl der Zielkarten ist bei allen identisch. Da die Spielertableaus nummeriert sind, wird hierüber auch geregelt, wer Startspieler ist. Das verändert sich auch nicht im Laufe des Spiels.
Ein eigener Zug läuft nach dem immer gleichen Schema ab (nur die Rusviet haben hier eine Ausnahme). Der Spieler wählt auf seinem Spielertableau einen Bereich aus, auf dem sein Aktionsmarker aktuell  nicht steht. Man hat also immer drei von vier möglichen Bereichen zur Auswahl. Einen zusätzlichen Bereich gibt es durch die Fabrik-Karte, die im Laufe des Spiels erworben werden kann.
Dabei legen die Bereiche fest, welche obere und untere Aktion ausgeführt werden kann. Die Ausführung ist immer freiwillig. Solange die Kosten bezahlt werden können, lässt sich jede Aktion auch dann ausführen, wenn ihr eigentlich Zweck nichts mehr bringt. So kann etwa die Aktion zum Mechbau gewählt werden, wenn man bereits alle seine vier Mechs gebaut hat. Mit dem Spielertableau Industriell  zahlt man beispielsweise die erforderlichen Rohstoffe und streicht die Belohnung ein — eine Regel, die häufig übersehen wird aber gerade in Bezug auf die Umwandlung von Rohstoffen in Geld sehr wichtig ist.
Die oberen Aktionen Bewegung, Produzieren, Handeln und Aufrüsten sind kombiniert mit den unteren Aktionen Entwickeln, Einsetzen, Bauen und Rekrutieren. Durch ihr Tableau haben die Spieler permanent vor Augen, was für Handlungsmöglichkeiten ihnen in ihrem Zug zur Verfügung stehen. Zusätzlich lässt sich das Tableau durch Entwicklung optimieren, was Boni und Kosten verändert.

Mechunterstützung bei der Verteidigung

Spielgefühl

Zunächst wirkt Scythe, als würde man von den Regeln und Möglichkeiten erschlagen. Um die Regeln zu lernen, lässt man sich das Spiel entweder erklären oder aber liest selber die Anleitung. Die ist übersichtlich und gut geschrieben, man muss an einigen Stellen nur selber etwas genauer lesen. Eine Anleitung wie diese sorgt bereits für eine positive Grundeinstellung dem Spiel gegenüber. Die einzelnen Aktionen, die man als Spieler pro Runde hat, gehen deutlich aus dem Spielertableau hervor.
Anfänger begehen häufig bei Scythe einen sehr typischen Fehler. Sie lassen sich von den Mechs blenden, bauen diese mit Nachdruck und ziehen in den Kampf. Kämpfe sind allerdings nicht das, worum es in Scythe geht. Mitunter können sie erheblichen Ansehensverlust mit sich bringen, wenn man gegnerische Arbeiter vertreibt. Hier liegt eine der Stärken von Scythe. Man kann kämpfen und damit auch bis zu zwei Erfolge sammeln (Ausnahme: Sächsisches Reich). Der Schwerpunkt des Spieles besteht aber nicht daraus. Das ist einer der ersten Aspekte, die man verinnerlichen sollte.
Der zweite wichtige Aspekt bei Scythe ist, Leerlauf zu vermeiden. Häufig nur eine der zwei Aktionen durchführen zu können, bringt einen schnell ins Hintertreffen. Rückstände sind nicht leicht aufzuholen. Zugfehler rächen sich recht schnell. Man für seine Ausgangsbedingungen die richtige Kombination von Aktionen finden, um das Maximum herauszuholen. Wichtig ist, wann man sich für welche Entwicklung entscheidet. Mehrere Arbeit auf einem Feld bringen in einer Produktionsaktion viele Rohstoffe. Zu viel eigene Arbeiter insgesamt auf dem Spielplan kosten bei jeder Produktion jedoch Ansehen, Stärke und Geld.
Ansehensverlust lässt sich nicht immer vermeiden, aber Ansehen ist ein wichtiger Schlüssel bei der Wertung am Spielende. Die Ansehensskala ist in drei Stufen eingeteilt. Da kann ein fehlender Punkt schon den entscheidenen Unterschied machen. An dieser Stelle wäre etwas mehr Flexibilität vielleicht besser gewesen. Selbst wenn man aber nicht den Sieg erringt, man verbringt mit Scythe auf jeden Fall eine spannenden Zeit — selbst mit Grüblern am Tisch, denn die Downtime ist erstaunlich niedrig im Anbetracht der Möglichkeiten. Sehr oft kann der eigene Zug geplant werden, wenn man selber nicht an der Reihe ist. Zudem sind die unteren Aktionen so angelegt, dass sie durchgeführt werden können, wenn der nächste Spieler bereits an der Reihe ist.

Spielmaterial

Das Spielmaterial von Scythe ist beeindruckend. Kommt die normale Version mit Rohstoffen als Holz und Münzen aus Pappe daher, gibt es in der Deluxe-Ausgabe nicht nur Metallmünzen, sondern auch modellierte Rohstoffe. Das sieht nicht nur gut aus, sondern fühlt sich auch ebenso an. Die Anführer sind detailreich gestaltet, die Mechs unterscheiden sich von Nation zur Nation, wirken aber zum Teil etwa zerbrechlich. Geschickt gelöst ist auch die Frage, welche Einheiten kämpfen. Ganz einfach, die aus Plastik. Auf dem Spielplan befinden sich zwei Startfelder für Nationen, die als Erweiterung zu bekommen sind.
Je nach Ausgabe hat man den größeren Spielplan oder den normalen Spielplan. Kleines Detail am Rande: den großen Spielplan verwenden wir in Parteien zu zweit, den kleinen bei mehr Spielern, weil ansonsten nicht alle am Tisch platz haben. Das war für uns der Grund, uns die seit dem Herbst verfügbare Spielmatte zu holen, die größentechnisch genau in der Mitte liegt.
Die Spielertableaus setzen Maßstäbe. Nicht nur auf Grund der verwendeten dicken und stabilen Pappe, sondern auch, weil Vertiefungen für die Entwicklungswürfel, Arbeiter, Gebäude und Rekruten vorhanden sind. So verrutscht nichts.
Nicht so rosig sieht es bei den Spielkarten aus. Sie sind sehr dünn und bekommen schnell abgestoßenen Kanten. Hier empfiehlt es sich, unbedingt Kartenhüllen zu verwenden — zumal Scythe ein Spiel ist, welches garantiert nicht im Regal verstaubt.
Ein Schachteleinsatz kann man sich zusätzlich kaufen, dieser ist aber im Prinzip nicht erforderlich. Sämtlichen Komponenten haben gut sortiert ihren Platz in der Schachtel, auf der auch eine Anleitung gedruckt ist, wie das Material wieder eingepackt werden sollte.

Licht & Schatten

opulente Ausstattung
hoher Wiederspielreiz durch verschiedene Nationen- und Spielertableaus
geringer Glücksfaktor
keine festgelegte Rundenzahl
leichte Probleme im Balacing durch unterschiedliche starke Nationen- und Spielertableaus
zu starker Einfluss der Modifikatoren in der Schlusswertung
am Spielende ist nur das Geld ausschlaggebend für den Spielsieg

Fazit

Bereits die erste Partei von Scythe hat mich begeistert. Jegliche Skepsis in Bezug auf meine erstes, über Kickstarter mitfinanziertes Spiel war verflogen. Verlag und Autor haben bei diesem Spiel sehr viel richtig gemacht. Von der Anleitung über das Material bis zum Artdesign. Daher gibt es viel Gründe, Scythe zu mögen. Spieler, die mit Scythe nicht warm werden, bemängeln häufig, es sei lediglich ein Rohstoff-Optimierungsspiel. Dem ist meiner Meinung nach nicht so, es steckt eine Menge mehr dahinter — was auch die unterschiedlichen Strategien zum Sieg zeigen. Je nach Nation und Spielertableau muss man eine andere Strategie entwickeln. Das macht sowohl den Reiz auch den Wiederspielwert aus. Für die leichten Probleme im Balancier gibt es mittlerweile Lösungsvorschläge. So sollte etwa dem Spieler von Rusviet nicht gestattet werden, mit dem Industrial Spielertableau zu spielen.

Erwähnen sollte man auf jeden Fall noch den guten Solo-Modus „Automa“, für den es eigene Regeln und Karten gibt, die den Automa steuern. Selbst in dieser Variante macht Scythe eine gute Figur — ansonsten spielt es sich auch bei jeder anderen Mitspielerzahl hervorragend.

Ein gelungenes Spiel, in jeder Hinsicht eine Perle in der Spielesammlung. Skeptiker sollten auf jeden Fall mindestens zwei Partien gespielt haben, bevor sie sich für oder gegen Scythe entscheiden.

KurzInfo

Scythe
1 bis 5
90 bis 115 Min.
BoardGameGeek
kaufen
Ein 3x-Spiel mit Workerplacement und Steampunk Setting. So kurz zusammengefasst kann man nicht den Reiz von Scythe einfangen. Allein das Spielmaterial in der Deluxe Ausgabe reizt zu wiederholten Partien. Die zusätzlichen Erweiterungen sind die Kirsche auf der Sahnetorte.

Bewertung

Gespielte Partien

46

Gesamtspielzeit

68 h

Mitspieler

8

Zuletzt Gespielt

23.06. 2019
Menü schließen