Viticulture

In vino veritas, im Wein liegt die Wahrheit. Beim Spiel Viticulture auf den Punkt gebracht bedeutet dies, nicht das Rad neu erfunden, sondern bekanntes geschickt kombiniert zu haben. Das Spiel rund um den Weinanbau verpackt die Thematik nicht nur optisch ansprechend, sondern auch spielerisch überzeugend. Ausflüge auf die Weingüter in der Toskana lassen daher immer wieder die Herzen der Spielerinnen und Spieler höher schlagen. Eine eingängiger Spielablauf trägt dazu ebenfalls bei.

Viticulture Zugreihenfolge
Zugreihenfolge und Leiharbeiter

Worum geht es in diesem Spiel

Irgendwo in der Toskana liegen mehrere verlassene Weingüter mit ein paar Hektar Land, auf dem Reben angepflanzt werden können. Die Spielerinnen und Spieler übernehmen eines dieser Weingüter und versuchen als frisch gebackene Winzer, über mehre Jahre ihr Weingut zum erfolgreichsten und besten in Italien zu machen. Im Wechsel der Jahreszeiten werden dazu die Arbeiter in die Weinberge geschickt, um Reben zu pflanzen, Trauben zu ernten und schließlich aus diesem im Keller den Wein herzustellen.

Immer wieder konkurrieren die Spielerinnen und Spieler mit ihren am Anfang auf drei begrenzten Arbeiten um die Aktionsfelder. Wer Glück hat, bekommt im Sommer beziehungsweise Winter hilfreiche Besucher, die das eigene Weingut weiter voran bringen und Boni gewähren.

Wer als erster 20 Sigepunkte erreicht hat, läutet das letzte Jahr ein. Ein böses Erwachen gibt es dann jedoch, wenn ein anderes Weingut im Herbst mit einem lukrativen Auftrag mehr Punkte abräumt.

Aufträge erfüllen

Spielablauf

Jeder Mitspieler erhält zu Beginn ein Weingut-Tableau in einer der sechs Farben. Auf dem persönlichen Tableau sind die drei Weingebiete des jeweiligen Weingutes und die Plätze für die zu errichtenden Bauwerke abgebildet. Dazu kommen noch die Weinpresse für rote und weiße Trauben und der Weinkeller.

Sowohl die Weinpresse als auch der Weinkeller zeigen mit Ziffern den Wert der jeweiligen Trauben beziehungsweise des Weins an. Beide werden durch kleine Glassteine repräsentiert, die die Spielerinnen und Spiler nach der Ernte auf ihrem Tableau.

Auf dem Hauptspielplan befinden sich die einzelnen Aktionsbereich, in die von den Spielerinnen und Spielern Arbeit eingesetzt werden können. In welcher Reihenfolge das passiert, wird mit Hilfe der Reihenfolgeleiste festgelegt. Am Anfang jeder Runde wechselt eine Holzweintraube, mit der bestimmt wird, wer den Hahn in seiner Farbe zuerst auf der Reihenfolgeleiste platzieren darf.

Wer früh dran ist, kann im zwar weiteren Verlauf als erste wichtige Aktionsfelder besetzen. Eine spätere Position in der Reihenfolge gibt aber zusätzliche Boni etwa in Form von Geld oder Siegpunkten.

Die Jahresübersicht auf dem Spielplan zeigt an, wie die einzelnen Runden ablaufen. Auffällig dabei ist, dass das Spiel in vier Phasen, benannt nach Jahreszeiten, unterteilt ist. Im Frühling wird die Zugreihenfolge bestimmt, im Sommer können zum Beispiel Bauwerke auf dem Weingut errichtet oder Reben gepflanzt werden. Im Herbst dürfen sich die Spielerinnen und Spieler eine Besucherkarte ziehen. Entweder einen Sommerbesucher, der sich auf Aktionen im Sommer auswirkt oder aber einen Winterbesucher, der die Aktionen im Winter verstärken kann.

Während im Sommer der Fokus auf pflanzen und errichten liegt, geht es im Winter um die Ernte der Trauben, die Produktion von Wein und die Erfüllung mit Aufträgen. Letzte sind die Hauptquelle für Siegpunkte im Spiel.

Am Ende des Jahres reifen Trauben und Weine auf dem Spielertableau, sie werden um eine Ziffer weiter geschoben. Während das bereits am Anfang bei Trauben bis zum Maximalwert von neun möglich ist, erreichen Weine nur eine Wert von drei. Zudem lassen sich nur Rot- und Weißweine herstellen. Erst durch den Ausbau des Kellers sind höhere Werte beim Wein möglich, ebenso kann erst dann eine Produktion von Rosé beziehungsweise Sekt erfolgen.

Zusätzlich zur Aufwertung von Trauben und Wein nehmen die Spielerinnen und Spieler ihre Arbeiter wieder zurück vom Spielplan und reduzieren ihre Handkarten wenn nötigt auf sieben. Die Holzweintraube wird gegen den Uhrzeigersinn weiter gereicht und das neue Jahr beginnt wieder mit der Auswahl der Zugreihenfolge.

Sobald ein Mitspieler 20 Siegunkte erreicht hat, endet das Spiel im Winter des aktuellen Jahres.  Meisterwinzer wird der, der dann am meisten Siegpunkte hat.

Viticulture Weingut
Typisches Weingut

Spielgefühl

Die thematische Einbettung von Viticulture ist wahrlich bodenständig. Es muss keine außerirdische Zivilisation aufgebaut oder die Imperien anderer Spieler zu Fall gebracht werden, sondern es wird Wein angebaut. Von der Rebe über die Traube bis zum fertigen Wein.

Dennoch, was sich friedlich anhört, ist in Wahrheit ein ständiger Konkurrenzkampf. Die Aktionsfelder auf dem Spielplan sind knapp. Je nach Spielerzahl gibt es zu den einzelnen Aktionen weitere Einsetzfelder. Einige davon bringen zusätzliche Boni. Nur große Arbeiter der Spielerinnen und Spieler dürfen sich neben ein Aktionsfeld stellen und von der Aktion profitieren, obwohl die Einsetzfelder bereits besetzt sind.

Da die meisten Spielerinnen und Spieler am Anfang nur über insgesamt drei Arbeiter verfügen, will jede Aktion mit Bedacht gewählt werden. Zumal es die eingesetzten Arbeiter erst am Ende eines Jahres zurück gibt. Arbeiter, die im Sommer eingesetzt wurden, können nicht mehr im Winter verwendet werden.
Der an sich eingängige und flüssige Spielablauf, in der Reihenfolge einen Arbeiter einsetzen und die dazugehörige Aktion ausführen, hört sich einfach an. Es erfordert jedoch etwas Planung, um sein Weingut auch zum Sieg zu führen. 

Konzentriert man sich erstmal darauf, im Winter zusätzliche Arbeiter auszubilden? Vergrößert man seinen Weinkeller? Oder aber errichtet man Spalier und Bewässerung, um auf seinen Gebieten alle Rebensorten anbauen zu können?

Die einzelnen Aktionen und Elemente sind bei Viticulture gut miteinander verzahnt. Wer unbedingt mehr Geld benötigt, kann eines seiner Anbaugebiete verkaufen. Etwas mehr Planungssicherheit in Bezug auf die Ernte verschafft das Gespann, mit dem man ein eigenes Aktionsfeld auf seinem Weingut erhält. Und ein größere Weinkeller ist nie verkehrt. Kniffelig wird es jedoch bei Sondergebäuden wie der Windmühle, die beim Pflanzen von Reben Siegpunkte generiert.

Bei jeder Entscheidung hängen einem ständig die Mitspieler im Nacken. Sie schnappen in der laufenden Runde Felder weg, die man in folgenden Runde doch selber noch gerne genutzt hätte. Aber vielleicht hat man ja gerade einen hilfreichen Besucher auf der Hand, der einem eine zusätzliche Aktion ausführen lässt. 

Viticulture ist von Anfang bis Ende spannend und kommt in den meisten Fällen ohne lange Wartezeiten, bis man selber wieder an der Reihe ist, aus. Sobald das letzte Jahr anbricht, zieht das Tempo noch mal richtig an, da alle hektisch versuchen, noch ein paar Siegpunkte einzufahren.

Durch unterschiedliche Startvoraussetzungen der Spielerinnen und Spieler mittels Mama- und Papa-Karten ergeben sich immer wieder neue Konstellationen. Wobei es hier allerdings auch Probleme geben kann. Wer die richtigen Eltern erwischt, kann einen spürbaren Startvorteil haben. Dieser wirkt sich insbesondere dann aus, wenn man selber gute Handkarten und andere eher mittelmäßig bis schlechte Handkarten gezogen haben.

Zusätzliche Metallmünzen

Spielmaterial

Auf der Spielschachtel von Viticulture sind eine Mann und eine Frau bei der Traubenernte zu sehen. Hinter ihnen liegt eingebettet in die malerische Landschaft der Toskana ihr Weingut. Sanft verläuft in der Ferne ein Fluß vor grünen Hügeln. Stil und Farbgestaltung spiegeln sich dann beim öffnen der Schachtel auch im Spielmaterial wieder. Holzmaterial in sechs Farben, individuell gestaltet Gebäudetypen, Glassteine für Trauben und Wein.

Die Spielplan selber zeigt dann die Landschaft in den unterschiedlichen Jahreszeiten, parallel zu den Spielphasen. Die Illustration ist dabei kein Beiwerk, sondern passt perfekt zum Spiel, zur Thematik und Stimmung. Ohne die Aktionsfelder würde man sich den Plan möglicherweise sogar eingerahmt ins Wohnzimmer hängen — direkt über dem Weinregal.

Die Münzen aus Pappe trüben ein Wenig die Stimmung, sie lassen sich aber durch Metallmünzen passend zum Spiel ersetzen. Eine durchaus lohnenswerte Investition, denn Viticulture wird auf Grund seiner Spieldauer und seiner Komplexität mit Sicherheit häufiger auf den Tisch kommen.

Abgerundet wird dieses herragende Cuvée durch eine vorbildliche Anleitung. Gut strukturiert und mit Beispielen Illustriert werden Spielablauf und Details erklärt. Für dann noch offene Fragen zu den Besucherkarten gibt es einen Anhang, in dem auch die Solovariante zu finden ist.

Wichtig zu wissen ist, dass es sich bei der vorliegende Ausgabe um die so genannte „Essential Edition“ handelt. Diese unterscheidet sich von der ursprünglichen Ausgabe von Viticulture nicht nur durch zusätzliche Besucherkarten, sondern auch durch zwei wichtige Komponenten. 

Die Mama- und Papakarten für die variablen Anfangsbedingungen der Spielerinnen und Spieler stammen ebenso wie die Möglichkeit, Gebiete zu verkaufen, aus der früheren Tuscany-Erweiterung. Während die Möglichkeit, Gebiete zu verkaufen, grundsätzlich positiv ist, lässt sich bei den Mama- und Papakarte darüber streiten.

Licht & Schatten

starkes Thema
tolles Spielmaterial
grafisch ansprechend gestaltet
schnell erklärbares Eurogame
Glücksfaktor spürbar vorhanden
repetitiv nach einigen Partien

Fazit

Bereits während der ersten Partie wird auch neuen Spielerinnen und Spielern klar, worum es in Viticulture geht. Der Rhythmus von Anbau, Ernte und Herstellung ist eingängig, die einzelnen Aktion prägen sich schnell ein. Um am Ende jedoch Meisterwinzer zu werden, muss man jedoch einiges an Planungsgeschick beweisen. Die richtigen Reben auf den Gebieten haben, passend vor den anderen seinen Wein produzieren und dann mit guten Aufträgen punkten. Schafft man seinen ersten Auftrag in einer führen Phase des Spiels, erhält man regelmäßig zum Jahresende Einkommen — wichtig für den weiteren Ausbau des Weinguts.

Nach 45 bis 60 Minuten sind die meisten Partien dann zu Ende. Wenn man nicht gerade gewonnen hat, fragt man sich unter Umständen, was falsch gelaufen ist. Insbesondere dann, wenn man Viticulture bereits mehrfach gespielt hat. Früher oder später zeigt sich bei Viticulture leider, wie stark der Einfluss des Kartenglücks ist.
Dabei können die Mama- und Papa-Karten diesen Effekt noch verstärken. Wer das Spiel ohne eigene Gebäude beginnt, dafür aber nur Reben zieht, die Bewässerung und Spalier benötigen, muss erstmal kräftig investieren. Punkteträchtige Aufträge auf der Hand gehen einher mit mindestens einen mittleren wenn nicht sogar großen Keller. 

Das Glück bei Reben- und Auftragskarten hat Einfluss drauf, wie gut man im Spiel voran kommt. Dazu kommen noch die Besucherkarten, die je nach Situation hilfreich sein können oder aber lediglich Ballast auf der Hand darstellen.

Gegen Mitspieler, die durch ihre Papa-Karten als Startkapital einen Kellerausbau oder das Gespann bekommen, wird man es schwer haben. Gerade dann, wenn die Mama auch noch passende Reben und Aufträge bringt. Geld statt Gebäude zu nehmen, ist meistens eine schlechte Idee, denn Gebäude später zu bauen, kostet immer auch eine Aktion mit einem seiner Arbeiter. Die Züge bei Viticulture lassen wenig Spielraum für Fehler. So eingängig und schön das Spiel auch ansonsten ist, genau an der Stelle wir Viticulture brutal. Man kann mehrere Partien hintereinander verlieren, ohne aus seiner einen Sicht einen Fehler begangen zu haben.

Spielrinnen und Spieler von Viticulture sollte in jedem Fall Patchwork-Variante ausprobieren, bei denen jeder zwei Mama- und Papa-Karten erhält und sich seine Eltern daraus aussuchen darf. Alternativ ist auch der komplette Verzicht darauf möglich, wenn man nach den Regeln aus der ursprünglichen Edition spielt. Hier erhält jeder 3 Lire, eine Pinot Reben (rot & weiß 1er) eine zufällige Sommerbesucherkarte sowie zwei kleine und einen großen Arbeiter.

Im Übrigen: Spielmechanisch ergibt es vielleicht Sinn, Rosé aus weißen und roten Trauben herzustellen, jeder Winzer wird hier aber die Hände über den Kopf schlagen — und auch niemals auf die Idee kommen, Sekt aus weißen und roten Trauben herzustellen.

Von den Kritikpunkten abgesehen hat man mit Viticulture auf jeden Fall ein solides Workerplacmentspiel mit charmanten Thema vor sich. 

Spoiler: die Tuscany Essential Edition ist nach einigen Partien quasi ein Pflichtkauf. Sie verändert das Viticulture soweit, dass der Glücksanteil keine so dominanten Rolle mehr spielt.

KurzInfo

Viticulture
1 bis 6
45 bis 90 Min.
BoardGameGeek
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Ansprechend gestaltetes Workplacementspiel rund um das Thema Weinanbau mit einer pfiffigen Solovariante. Benötig nach mehrfachen Spielen unbedingt die Erweiterungen.

Bewertung

Gespielte Partien

43

Gesamtspielzeit

62 h

Mitspieler

9

Zuletzt Gespielt

11.06. 2019
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